Die Novelle: Immer noch modern

Fällt der Begriff Novelle, denkt man natürlich zuerst an die berühmte Schachnovelle von Stefan Zweig. Häufig passiert es aber, dass die beiden literarischen Gattungen der Novelle und der Kurzgeschichte verwechselt werden. Was kennzeichnet also eine Novelle, wie unterscheidet sie sich von der Kurzgeschichte, und welche berühmten Vertreter dieser Gattung gibt es außer Stefan Zweig?

Novelle: Erzählung in Prosaform

Wie auch die Kurzgeschichte ist die Novelle eine kurze Erzählung in Prosaform. Laut Hugo Aust, einem bekannten deutschen Literaturwissenschaftler, hat die Novelle eine „mittlere“ Länge: Sie ist also kürzer als ein Roman, aber länger als eine Kurzgeschichte – und immer noch gut in einem Rutsch lesbar. Die Handlung kreist meist um einen einzigen Konflikt, beispielsweise zwischen Gut und Böse oder Ordnung und Chaos.

Novelle: Im Zentrum steht ein einziges Ereignis

Im Zentrum steht ein einziges Ereignis, daher ist Struktur der Novelle schlicht und geschlossen. 1827 brachte Goethe es auf den Punkt: Eine Novelle beschreibt „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“, die den Wendepunkt der Handlung darstellt. Deshalb wird auf die Ausarbeitung von Charakteren oder die psychologische Erklärung ihrer Handlungen in einer Novelle ursprünglich wenig Wert gelegt – stattdessen wirken schicksalhafte Mächte von außen auf das Geschehen ein. Ein wichtiger Faktor ist dabei häufig der Zufall. Weitere Kennzeichen sind eine knappe Einleitung, die den Leser nur schnell ins Geschehen einarbeitet, und der Wechsel zwischen gestraffter Erzählung mit hoher Dichte und einzelnen ausgearbeiteten Szenen.

Novelle: Eine der modernsten literarischen Formen

Interessanterweise bildet die Novelle eine der modernsten literarischen Formen, da sie keinen Vorläufer in der Antike hat. Als erster Autor einer Novelle wird der Italiener Giovanni Boccacio bezeichnet, dessen Werk „Decamerone“ wohl jedem ein Begriff sein dürfte. Auf die Entwicklung der Novelle hat wohl seit einigen Jahrhunderten kein Werk mehr Einfluss genommen als dieses. Entstanden ist die Sammlung von 100 Novellen vermutlich zwischen 1349 und 1353. Die Rahmenhandlung: Zur Zeit der Pestseuche flüchten sieben Mädchen und drei Junge Männer aus Florenz in ein Landhaus im Umkreis. Den Flüchtlingen wird natürlich schnell langweilig, und so versuchen sie sich die Zeit mit einem Spiel zu vertreiben: Jeden Tag legt einer der Anwesenden ein Thema fest, und zu diesem muss sich nun jeder eine Geschichte ausdenken. Nach zehn Tagen, also hundert zum Besten gegebenen Novellen, kehren die Geretteten nach Florenz zurück.

Fortan sollte die Novellensammlung Boccacios auf die Weltliteratur eine gewaltige Wirkung haben: Schon um 1381 setzt sich in England Geoffrey Chaucer ans Verfassen einer Sammlung von Novellen, in Frankreich folgt im 16. Jahrhundert Margarete von Navarra. Der Spanier Miguel de Cervantes setzt 1613 schließlich zum ersten Mal einen Schwerpunkt auf die Charaktere der Erzählung.

Eine Entwicklung fort vom ursprünglichen Konzept der Novelle, die in der deutschen Romantik ihren Lauf nehmen sollte: Ludwig Tieck, Clemens Brentano oder E.T.A. Hoffmann lassen vermehrt märchenhafte, ironische oder schaurige Züge in ihre Novellen einfließen. Der bürgerliche Realismus im 19. Jahrhundert schließlich benutzt die Novelle als Möglichkeit, Lebenswelt und Herausforderungen des Individuums zu schildern. Aber auch bis heute ist die Novelle noch nicht aus der Mode geraten: Davon zeugen so berühmte Erzählungen wie „Katz und Maus“ von Günter Grass und „Der fremde Freund“ von Christoph Hein.

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