Eine kurze Geschichte der Kurzgeschichte

Den meisten bibliophoben Schülern dürfte wohl nur eine literarische Gattung in angenehmer Erinnerung geblieben sein: die Kurzgeschichte. Sowohl Vorteil als auch kennzeichnendes Merkmal liegen auf der Hand – sie ist kurz. Aber das ist bei weitem nicht das einzige, was es über eine Kurzgeschichte zu sagen gibt.

Eine moderne Form der Prosa

Die Kurzgeschichte ist eine relativ moderne literarische Form der Prosa. Entstanden ist sie in der amerikanischen Literatur. Der Grund: Amerikanische Autoren hatten im 19. Jahrhundert eher Chancen, ihre Werke in einer Zeitschrift zu veröffentlichen, als gleich ein ganzes Buch an den Markt zu bringen. Deswegen wurde die Kurzgeschichte besonders populär (und mit ihr übrigens der Fortsetzungsroman, der sich aus dem gleichen Grund entwickelte). Nach Deutschland kam die Kurzgeschichte zum ersten Mal um 1900. Allerdings hatte sie zuerst Schwierigkeiten Fuß zu fassen, da sich bereits andere Kurzformen etabliert hatten wie beispielsweise die Novelle oder die Kalendergeschichte.

Erst Autoren des Expressionismus begrüßten die neue Form. Auch nach 1945 erlebte die Kurzgeschichte einen rapiden Aufschwung in Sachen Beliebtheit, als die literarische Welt nämlich einen rapiden Kahlschlag forderte: Nach dem Zweiten Weltkrieg proklamierten die Künstler die „Stunde Null“, einen kompletten Neuanfang. Man wollte sich vor allem von den pathetischen und ideologisch durchseuchten Werken der Nazi-Literatur abgrenzen. Die aus Amerika importierte Kurzgeschichte mit ihrer schlichten, sachlichen Sprache kam den Literaten der Nachkriegszeit da gerade recht.

Wolfgang Borchert

Als einer der wichtigsten Vertreter der Nachkriegs-Kurzgeschichte ist wohl Wolfgang Borchert zu nennen. Der Inhalt seiner Kurzgeschichten ist charakteristisch für die Entwicklung der Gattung: Nicht die Politik stand im Vordergrund, sondern Einzelschicksale und menschliche Erfahrungen. Dabei tendiert die Kurzgeschichte aber vor allen Dingen zu einer Darstellung vom Elend und Leid der Nachkriegszeit.

Allerdings boten die Autoren ihrem Publikum die Informationen keineswegs auf dem Silbertablett an: Ein wichtiges Merkmal der Kurzgeschichte ist ihre Herausforderung an den Leser, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Aussage des Textes erschließt sich oft nicht auf den ersten Blick. Nur ein kleiner Teil der wichtigen Informationen wird direkt genannt, den anderen, oft wichtigeren Teil muss sich der Leser selber zusammenreimen. Das ist die sogenannte „Iceberg Theory“, aufgestellt von Ernest Hemingway, wohl dem berühmtesten amerikanischen Autor von short stories.

Was aber sind die anderen Merkmale der Kurzgeschichte? Zum einen fällt die Einleitung komplett weg: Der Leser wird abrupt in die Handlung hineingerissen, häufig wird nicht einmal der Protagonist genannt (bei dem es sich oft um einen ganz alltäglichen Menschen oder gar einen Antihelden handelt). Verständlich, denn die Kurgeschichte soll ja auch in einem Leseakt gelesen werden können.

Verschiedene Techniken

Dazu kommt das, was die Literaturwissenschaft „Techniken der Verdichtung“ nennt: Langwierige Erläuterungen und Beschreibungen werden durch Metaphern und Symbole ersetzt, Handlungsabläufe werden komplett ausgespart. Interessant ist auch, wie der Autor einer Kurzgeschichte mit der Zeit umspringt – nämlich völlig frei: Das Geschehen wird oft auf wenige Augenblicke reduziert, oder eine kurze Situation steht repräsentativ für einen langen Zeitraum.

Wohl eines der kennzeichnendsten Merkmale der Kurzgeschichte aber ist ihr Schluss. Statt den Leser mit einem zufriedenstellenden Ende zu versorgen, bleibt am Ende offen, wie es mit dem Protagonisten eigentlich weitergeht. Dadurch soll der Leser gezwungen werden, sich weiter mit der Kurzgeschichte zu beschäftigen – und für sich selbst herauszufinden, was mit ihren Helden geschehen ist.

Foto: Daniel Gilbey – Fotolia.com

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